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Mit Hilfe der Engel

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Weihnachten in den Felskirchen von Lalibela, Äthiopien

5. Januar: noch zwei Tage bis Weihnachten. Kühl ist es im einfachen Zimmer des „Seven Olives Hotel“ in Lalibela: 2.600 Meter über dem Meer. Das Dach Afrikas. Als es früh hinaus in die trockene Kälte geht, ist es sechs. Aber die Uhr an der Rezeption zeigt auf 12. Draußen bewegen sich Menschen im fahlen Licht lautlos, federleicht.
Wie in biblischen Zeiten beginnt der neue Tag im christlichen Hochland morgens um 6 Uhr. Die Feste werden nicht nach unserer Zeitrechnung festgesetzt, sondern nach dem julianischen Kalender, ersonnen vom römischen Feldherrn Julis Cäsar: um 13 Tage ist er unserer Zeitrechnung voraus. Auch andere orthodoxe Christen richten sich noch nach dem alten Kalender, wie die Mönche auf dem Berg Athos.
Auch sonst ist hier in Lalibela so manches anders: die Kirchen und Kapellen wurden aus dem Fels geschlagen – Architektur nicht durch Hinzufügen, sondern Reduktion. Es sind die bekanntesten, zum Teil die schönsten und am leichtesten zugänglichen aller Felskirchen im Hochland; über 150 sollen es sein.
Lehmwege verbinden die einzelnen Ortsviertel mit Lehm- und Steinhäusern. Die 11 Felskirchen wurden im 12. Jahrhundert aus dem weichen Tuffstein geschlagen, von 500 Handwerkern aus Alexandria und Jerusalem, in nur 23 Jahren. Unmöglich, rätseln Experten: es mussten Zehntausende von Arbeitern gewesen sein. Nein, sagen die Menschen hier: Engel haben nachts weitergemacht…

Besucher müssen die Schuhe vor Betreten der Kirchen ausziehen – sie könnten sonst Engeln auf die Füße treten. Schon im 4. Jahrhundert wurde das Christentum von zwei syrischen Wandermönchen nach Äthiopien getragen – und wurzelte in Axum, ganz im Norden.
Die Menschen im Hochland sind von fast grimmiger Gläubigkeit, aber auch von biblischer Sanftheit: schöne, fast aristokratisch wirkend wie Levantiner, doch dunkelhäutig. Am Ortsrand sind sie versammelt, die armen Pilger. Hier stehen noch zweistöckige Rundhütten, tukuls. Pilger sitzen vor kleinen Feuern, einige ohne Schuhe. Esel mampfen Stroh, ein neugeborenes Kind schreit. Einmal im Leben sollte der orthodoxe Christ in Jerusalem gewesen sein. Lalibela mit seinen Felskirchen ersetzt die Pilgerfahrt nach Israel. Der Besuch ist vor allem beim Genna oder Leddet beliebt, dem Weihnachtsfest. Es ist ein Fest des Glaubens, nicht des Konsums. Noch nie wirkte ein Weihnachtsbaum aus Plastik so lächerlich wie im Hotel.
Noch einen Tag bis zum Fest. Maryam fordert den Gast auf, mit ihnen Kaffee zu trinken, bunna. Es ist auch hier eine Zeremonie: Grüner Kaffee wird geröstet und in einem kleinen Mörser zerstoßen, der aromatische Duft dem Gast zugefächelt. Frische Blätter dienen als Decke. Wir trinken Kaffee aus kleinen Tassen, traditionell schwarz und ohne Zucker. Und sind gestärkt für den Gang zur Kirche Bjet Giyorgis, der Georgskirche. Es ist die letzte der Kirchen, auch die schönste, weitab der zwei Gruppen mit den anderen 10 Kirchen. Aber wir sehen sie nicht, nur ein paar uralte Olivenbäume.
Dann stehen wir am Rand der Grube, darin die 12 m hohe Kirche in perfekter Kreuzform, das Dach zu unseren Füßen, bedeckt mit orangefarbenen Flechten. Gläubige drängen sich durch einen schrägen Gang nach unten zur siebenstufigen Freitreppe, viele beten Rosenkränze. Oben an der Kirche sind Blindfenster ähnlich wie an den Stelen von Axum, darunter maurische Bögen, geschmückte Reliefs, im dunklen Innern exakte Säulen, Rundbögen, eine Kuppel über dem Allerheiligsten: alles aus einem Stück.
Mesfin hat sich vom Fremdenführer zum Inhaber einer kleinen Reise-Agentur hochgearbeitet. Er geht voran, vorbei an rötlichen Felswänden und Nischen, durch Gänge, über Rampen, Tunnel und Gräben, die oft in Höhlen enden – in vielen kauern Bettelmönche wie eine Einsiedlerkrabbe in der Muschel. Nur der Blick auf den Plan der Kirchen lässt den Besucher an vielen Stellen zumindest erahnen, wo er sich gerade befindet, im manchmal modrigen, oft mit Weihrauch durchsetzen Dämmerlicht.
Im Norden dominiert die Kirche Medhane Alem, das „Haus des Welterlösers“, größte Felskirche der Welt, 32 mal 23 Meter, 11 Meter hoch. Eine fünfschiffige Basilika, durch die Weltkultur-Organisation UNESCO mit einem gewaltigen, trapezförmigen Schutzdach versehen. Wir sind am Morgen des Weihnachtstages vom 6. Januar hier unterwegs.
Über uns stehen leuchtende Sterne – Halogenlampen im UNESCO-Schutzdach. Die Gläubigen sind ausnahmslos in ihre weißen Baumwolltücher gehüllt, ein monochromes Bild religiöser Gemeinsamkeit, felsenfest. Mesfin zerteilt nun sanft die Menge wie Moses das Meer, zieht den Besucher plötzlich unerwartet hart am Arm: wir stehen am Rand der 12 Meter hohen Felsgrube, aus der sich die Kirche erhebt.
Nicht nur die alte Sprache beamt den Besucher in biblische Zeiten, auch die Musik. Dumpf hallen aus dem Kircheninnern Schläge der Qibaro-Trommeln, begleitet von hell metallischen Klängen der Rahmenrassel. Wie ein Klangkörper verstärken die Felswände die Musik, Gesänge, Liturgien, gemeinsame Gebete.
Ist es Mitternacht oder sechs Uhr Morgens? Nach welcher Uhr soll man schauen? Irgendwann in der Nacht brennen Tausende von Kerzen in der Kirche, auf dem Dach, in der Menge am Rand der Grube. „Jesus ist geboren“, flüstert Mesfine.
Wie gut, dass in der Hotel-Rezeption die Lampen des künstlichen Weihnachtsbaumes nicht mehr leuchten – Stromausfall.